Notiz-Blog

Februar 19, 2015

Festkolloquium Christian Doelker 80, Universität Zürich, 5.12.2014

Filed under: Nicht kategorisiert — cdoelker @ 9:02 am

CD-80_600

„Medienpädagogik fortschreiben“

war das Thema des Festkolloquiums vom 5. Dezember und wurde an zahlreichen Beispielen in eindrücklichen Referaten aufgezeigt.

Ich selber habe mich der Herausforderung „Fortschreibung“ mit folgender Frage gestellt: Wie lässt sich die Formel der „Drei Wirklichkeiten“ W1 / W2 / W3 fortschreiben?

Zur Erinnerung:
W1 = Wirklichkeit, in der wir leben
W2 = Wirklichkeit wie sie in Medien wiedergegeben wird
W3 = die vom Einzelnen subjektiv wahrgenommene W2

Ein Student fragte mich einmal nach der Vorlesung über die drei Wirklichkeiten:
„Ist dann die Erinnerung an eine W3 eine W4?“ Und er fügte bei, dass sich ja etwas Wahrgenommenes und Erlebtes in der Erinnerung auch nochmals verändere, – dass also die „Gleichung der Ungleichheiten: W2 nicht gleich W1, W3 nicht gleich W2“ fortgeschrieben werden könne als „W4 nicht gleich W3“.

Damit ist bereits ein erster Schritt einer Fortschreibung der Formel der drei Wirklichkeiten vorgenommen. Auch insofern als sich die Erinnerung an eine wahrgenommene W2 zusätzlich vermischen kann mit Erinnerungen an Wahrnehmungen in der W1.

Generell stellt sich damit das Problem, dass in der Erinnerung die im medienpädagogischen Erkenntnisakt säuberlich vorgenommene Trennung von W1 und W2 durchlässig wird und sich Wirklichkeiten durch die Erinnerung und in der Erinnerung amalgamieren, so dass am Ende nicht mehr auszumachen ist, aus welchem Quellgebiet sie ursprünglich stammen.

Kommt dazu, dass in den Medien Wirklichkeit in verschiedenen Textsorten dargeboten wird: als Information (dokumentarische Texte), als Fiktion (fiktionale Texte), als Spiel/Game (ludische Texte) und als Werbung (intentionale Texte). Dokumentation gründet im Direktbezug zur Wirklichkeit. Aber auch die andern Textsorten weisen einen wie auch immer gearteten Konnex mit der Wirklichkeit auf.

So erzählt Jean-Rodolphe von Salis in seinen „Notizen eines Müssiggängers“, er sei einmal von einem jungen Mann mit der Frage überrumpelt worden, welches denn der stärkste Eindruck in seinem Leben gewesen sei. Nach längerer Überlegung habe er geantwortet: „Ein starker Eindruck kann nur von etwas kommen, das einen permanenten, gleichsam einen Ewigkeitswert hat. … Starke Eindrücke sind Tolstois Roman („Krieg und Frieden“) und andere Werke grosser Dichtung.“

Also ein Buch – ein Buch ist ja ebenfalls ein Medium – als stärkster Eindruck.
Auffällig und bemerkenswert ist bei dieser Äusserung, dass ausgerechnet der berühmte Chronist des 2.Weltkrieges nicht bombastische reale Ereignisse aus dem Kriegsgeschehen nennt, die er unmittelbar und über die Medien erlebt hat – also in der W1 und in der W2 – als stärksten Eindruck bezeichnet, sondern eine „nur“ mittelbare Darstellung, die für ihn als „Dichtung“ einen „verdichteteren“ Wahrheitswert aufweist als Dokumenarität.

Wenn wir die schriftliche Tradierung – über Buch, Pergament, Tontafel, Felszeichnung – ebenfalls als mediale Überlieferung verstehen, gehen wir von einem Medienbegriff aus, der an Trägermaterial gebunden ist. Es gibt aber – lange vor der Erfindung der Schrift – eine Überlieferung, die auf somatischer Speicherung beruht: dem Gedächtnis. Über Erzählung, über Narration haben wir ebenfalls Zugang zu Wirklichkeit, zu Erfahrung. Es gilt dann zu unterscheiden zwischen medialer Erfahrung und mittelbarer Erfahrung.

Medialität haben wir, seit wir Medien haben.
Mittelbarkeit haben wir, seit wir Symbole haben. D.h. seit wir mit der Sprache über ein Symbolsystem verfügen, mit dem Wirklichkeit beschrieben werden kann, die nicht „hier und jetzt“ vorhanden ist.

Mittelbarkeit ist also ein weiter gefasster Begriff als Medialität. Mediale Erfahrung ist – weil ja übermittelt – naturgemäss ebenfalls mittelbar. Aber mittelbare Erfahrung ist nicht auf Medien beschränkt.

Das heisst auch: Unser Bild von Wirklichkeit ist durch eine Aufsummierung von verschiedensten Wirklichkeiten entstanden. Unsere somatische Memory-Box besteht aus einem Konglomerat von W1, von erinnerter W1, von erzählter W1, von erinnerter erzählter W1, von geträumter W1, von W2 in allen Textsorten, von W3 und von W4.

In der Mathematik ist das Summenzeichen der griechische Buchstabe Sigma. Ich möchte deshalb das Bild von Wirklichkeit, das jeder Einzelne von uns durch Aufsummierung von Wahrnehmungen, Empfindungen, Erfahrungen geformt hat, als W Σ (sigma) bezeichnen . Für jeden Einzelnen von uns ist das individuelle Referenzsystem zur Wahrnehmung und Einschätzung der ihn umgebenden Welt generell die persönliche W Σ, das persönliche, somatisch abgespeicherte Corpus aller gelebten Eindrücke, der unmittelbaren und mittelbaren.

Eine solche W Σ kann nicht von statischer Natur sein. Sie ist ein dynamisches und hochgradig plastisches System, das in seiner Ausrichtung Welt fokussiert und gleichzeitig auch ständig aus neuen Situationen und Erfahrungen in allen Bereichen alimentiert wird. Sie ist eine Art inneres „Weltbild“, ein aufsummiertes Wahrnehmungssystem, mit dem Wirklichkeit erfahren wird. Sie äussert sich aber auch in parzellierter Weise als subjektive Vorstellung von einzelnen Welt-Inhalten wie: Vorstellung „Klimawandel“, Vorstellung „Die Bankers“, Vorstellung „Ebola“, Vorstellung “Die Schweiz“, Vorstellung „Demokratie“, Vorstellung „Das Mittelalter“, Vorstellung „Südsee“… Die Liste ist endlos.

Dass die Vorstellung von etwas, die andere haben, verschieden ist von der eigenen Vorstellung des gleichen Sachverhalts, ist der Grund für zahlreiche Missverständnisse und Konflikte. Immer haben wir mit verschiedenen Aufsummierungen von verschiedenen Wirklichkeiten bei verschiedenen Personen zu tun – gebündelt jeweils in der individuellen W Σ.

Apéro_600

Programm Festkolloquium

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März 6, 2010

Bruno Kaufmann – Understatement der Könnerschaft

Filed under: Nicht kategorisiert — cdoelker @ 4:01 pm

Faszination des dritten F

Wenn man im Zusammenhang mit Medien von den zwei F spricht, denkt man spontan an Film und Fernsehen. Mit einiger Verzögerung gesellt sich dann die Fotografie dazu, Verzögerung wohl deshalb, weil man sie bis in die jüngste Zeit vorzugsweise mit Ph schrieb: Photographie. Just aber dieses dritte und (orthographisch) jüngste F trifft indes auf Bruno Kaufmann eminent zu. Nicht nur hinsichtlich seiner herausragenden fotografischen Arbeiten als Künstler, sondern auch weil er nach seinen Studien- und Ausbildungsjahren an der Universität Zürich und der Hochschule für Bildende Künste in Berlin beruflich auch über längere Zeit erfolgreich in der Produktefotografie tätig war.

Sobald aber in der Kunst von zwei F die Rede ist, stellen sich im Geiste spontan die beiden Begriffe Form und Farbe ein, – so zwingend, dass sich einst eine berühmt gewordene revolutionäre Abspaltung der früheren Zürcher Kunstgewerbeschule (heute Hochschule für Kunst) F+F nannte, eben: Form und Farbe, fortlebend in „F+F Schule für Kunst und Mediendesign“ (eine Art Schwesterschule in Zürich der Kunstschule Liechtenstein). Und Form und Farbe treffen natürlich – in spezifischer Ausprägung – auch für Bruno Kaufmann zu. Man ist beeindruckt von den stimmigen strukturellen Rhythmisierungen und hinreissend „schönen“ Farbmodulationen (in Klammern bemerkt: Schönheit wird von Kaufmann nicht gesucht, aber, wenn sie entsteht, „zugelassen“).

Nun aber das dritte F? Es steht für Fläche.

Dies mag erstaunen bei einem Künstler, der lange der Fotografie verpflichtet war und sich dieser – gerade in jüngster Zeit – wieder neu zugewandt hat. Denn Fotografie ist auf den Raum hin orientiert, auf das Referenzsystem Wirklichkeit und damit deren Wiedergabe als Illusion. Abbildung ist per se illusionär, weil sie reduziert. Z.B. drei Dimensionen auf deren zwei. Raum auf Fläche. Eben!

Der Schlüssel heisst Cézanne. Nicht umsonst ein Lieblingskünstler von Bruno Kaufmann. Der frühe Cézanne malt noch illusionistisch, wie fast alle Künstler vor ihm. Wenn er Äpfel malt, meint er Äpfel. Wenn er einen Totenkopf malt, meint er einen Totenkopf. Wenn er einen Berg malt, meint er die Montagne Ste-Victoire, die unverwechselbare Erhebung in der Provence.

Dann bahnt sich eine Entwicklung an. Er malt von Mal zu Mal fleckiger. Und damit flächiger. Eben! Er steigert diese der Fläche verpflichtete Malweise noch dadurch, dass er zwischen den Farbflecken kleine weisse Flächen der nackten Leinwand stehen lässt. Und will damit sagen: Seht her – ihr erblickt zwar ein Gebirge, das ihr eindeutig als Montagne Sainte-Victoire identifizieren könnt, aber diese meine Konfiguration ist auch ein Bild, offengelegt durch die freien Leinwandflecken, deklariert als Fläche.

Der Betrachter oszilliert zwischen dem (illusionistischen) Blick in eine mediterrane tektonische Wirklichkeit und dem Innewerden der Eigenwirklichkeit eines Kunstwerks.

Konsequenz für den Künstler Bruno Kaufmann. Abkehr vom Illusionismus, Zugehen straight on auf die Eigenwirklichkeit des Bildes. Als Fläche.

Quellgebiete der Kunst

Das Prinzip A=Abbild (aufgrund der Ähnlichkeit zur realen Vorgabe) ist indes nur eines der Quellgebiete von Darbietungen der Kunst, allerdings das älteste (und damit allgemein anerkannteste). Bereits in der Antike wurde Meisterschaft am Grad gelungener Mimesis (=Nachbildung) gemessen. Besonders sprechendes Beispiel der von Plinius dem Älteren geschilderte Wettstreit zwischen Zeuxis und Parrhasios: Zeuxis malt Trauben so naturgetreu, dass sie von Vögeln angepickt werden, und Parrhasios erreicht, dass sein Rivale einen Vorhang wegziehen will, der nur gemalt ist. Einen neuen Höhepunkt mimetischer Virtuosität erreichte die Malerei mit dem Genre des Trompe l’oeil (bezeichnenderweise) in der Renaissance. Seit dem Aufkommen der Photographie wurden indes Modellvorgaben der Wirklichkeit immer mehr in Richtung des Prinzips E=Eigenwirklichkeit des Bildes – z.B. im Kubismus und der abstrakten Kunst – verarbeitet.

Es gibt nun aber seit dem 20. Jahrhundert noch ein seither fast ebenso wichtiges zweites Einzugsgebiet der Kunst: das Prinzip Ü=Übernahme. Ein Gegenstand aus der Wirklichkeit wird nicht abgebildet, sondern direkt in das Kunstwerk übernommen: vom Readymade Duchamps über die Oliventröge Beuys’ bis zur Land Art von Richard Long. Auch hier sind verschiedene Bearbeitungsschritte möglich, um schliesslich zu einem Endergebnis Eigenwirklichkeit des Kunstwerks zu gelangen.

Bei Kaufmann werden allerdings weniger spektakuläre Objekte als Steinkreise, Schlitten und Wolldecken in das Kunstwerk einbezogen: es sind Bahnen von gelochtem Blech, von Filz oder Wellkarton – im kunstvollen Zuschnitt auf eine elementare, und damit reduzierte, Form. Auch Farbe wird nur reduziert angewendet: als monochromen Anstrich oder eingefärbtes Material. Es entsteht ein originärer Assemblage als Eigenwirklichkeit von Kunst – und gleichzeitig ein Hommage an die Arte povera und die Minimal Art.

Zu eng verstanden würden indes diese Kunstwerke als schiere Anlehnung an die Konkrete Kunst. Trotz gewissen Gemeinsamkeiten geht es bei Kaufmann vorrangig um die Zelebrierung der Fläche und weniger um das prononcierte Ausspielen von Farbe und Form.

Und dies aber mit einer Sicherheit und Intuition, die sich nur vordergründig z.B. als Transzendierung des Goldenen Schnittes durch Fibonacci-Zahlen analysieren und beschreiben lassen. Solch stimmige Einfachheit kann nur durch fortwährend geübte Meisterschaft erreicht werden. Dies erinnert spontan an die Geschichte vom chinesischen Kaiser und dessen Lieblingskünstler.

Bruno Kaufmann und der Kaiser Chinas

Es was einmal ein Kaiser in China, der vom Ehrgeiz beseelt war, das schönste Bild der Welt zu besitzen. Zu diesem Behuf liess er den begabtesten Künstler des Reiches an seinen Hof kommen. „Male mir das Bild eines Hahns. Damit dein Bild das vollendetste Kunstwerk aller Sammlungen werden kann, gebe ich dir ein ganzes Jahr Zeit.“

Nach einem Jahr trat der Künstler vor den Kaiser, mit leeren Händen. „Ich brauche nochmals ein Jahr.“ Ungern willigte der Kaiser ein.

Nach Ablauf des Jahres wiederholte sich die Szene. „Um dem hohen kaiserlichen Anspruch zu genügen, benötige ich abermals ein Jahr.“ Unwillig entgegnete der Kaiser:
„Entweder du bringst mir nach Ablauf dieses dritten Jahrs das Bild, oder du wirst geköpft.“

Als auch dieses Jahr vorbei war, trat der Künstler wiederum vor seinen Kaiser. Demütig; in seiner Hand ein leeres Blatt.

Und schon wollte der Kaiser zu seinem letalen Richtspruch ausholen, da nahm der Künstler den Pinsel und tuschte in wenigen Strichen den schönsten Hahn auf das Blatt, den die Welt je gesehen hatte. Der Kaiser war hingerissen.

Dann umwölkte sich aber wieder seine Stirn: „Nun hast Du nur wenige Augenblicke gebraucht, um das verlangte Bild zu schaffen. Warum hast du mich drei Jahre lang hingehalten?“

Da führte der Künstler den Kaiser in ein grosses Ökonomiegebäude, das zum Komplex des Palastes gehörte und öffnete das Tor: Der riesige Raum war angefüllt mit Tausenden von Stapeln. Alles Blätter, auf denen der Künstler das Zeichnen des Hahns geübt hatte.

Wenn man das Können dieses chinesischen Künstlers in unsere pragmatische Zeit transponiert, liesse sich sagen, dass ein solcher Meister seine Malkunst „aus dem ff“ beherrscht. Schon wieder also die zwei F! Woher kommt nun diese Redensart?

Wikipedia gibt Auskunft: „Kaufleute bezeichnen seit dem 17. Jahrhundert feine Waren mit f (fino), ff steht für sehr fein. Wenn man also etwas aus dem Effeff beherrscht, kann man es sehr fein.“ Auch hier ist nun ein drittes f möglich – als Superlativ. Wikipedia: „f, ff und fff: feine, feinere und feinste Waren“.

Nun: auch für die Kunst, im Kunsthandel gibt es den Begriff fine art. Auch diese Bezeichnung liesse sich steigern: ff very fine art. Und bei Bruno Kaufmann wäre ein drittes f fällig: fff finest art.

Dies möchte man lautstark – ff – verkünden. Allerdings steht einem fortissimo Bruno Kaufmanns Bescheidenheit entgegen. Es sei deshalb pp gesagt, pian piano, wie es zum Understatement der Könnerschaft dieses Künstlers passt. Und zudem bei einem Geheimtipp für Sammler angemessen ist. Selten mehr trifft man in der zeitgenössischen Kunst ein so originäres Konzept in derart kraftvoll virtuoser Umsetzung.

Christian Doelker

Vorwort zum Ausstellungskatalog:

„Facts“
Flächen – Schichten – Strukturen
Bruno Kaufmann (FL)

Kunstraum, Städtle 37, FL-9490 Vaduz

weitere Informationen

Februar 14, 2009

Yes, I scan

Filed under: Nicht kategorisiert — cdoelker @ 12:54 pm

To scan heisst nicht nur, wie neudeutsch scannen, ein Bild oder einen Text elektronisch abtasten. Erste Bedeutung ist „kritisch prüfen“, und im weiteren meint es „überfliegen“ im Sinne von „Schlagzeilen überfliegen“ (to scan the headlines).

Für den sich in der Informationsgesellschaft bewegenden Mediennutzer sind diese ersten beiden Bedeutungen von prioritärer Wichtigkeit. Er wird ja nicht mit einzelnen sporadisch auftauchenden Texten konfrontiert, sondern überschwemmt mit Medienbotschaften, gesprochenen und gedruckten, auditiven und visuellen. Kann er sich da überhaupt heraushalten und souverän umgehen mit dem bombastischen Überangebot?

By scanning, he can. Eben: die Angebote überfliegen im Hinblick auf allfällige Relevanz, allfällige Wichtigkeit, und dann die verbleibenden ausgewählten Texte kritisch prüfen. Eine klassische Zielsetzung der Medienpädagogik also.

Dabei zu bedenken: die Tätigkeit des Überfliegens ist an Raum gebunden, betrifft also nur räumlich fixierte Aufzeichnungen: Bilder oder Schrifttexte. Zeitgebundene Mediendarbietungen wie Hörfunk- und Fernsehsendungen lassen sich nicht auf gleiche Weise überfliegen, sobald der Inhalt der auditiven Information mit berücksichtigt werden soll. Eine aufgezeichnete Fernsehsendung kann ich zwar im Schnelllauf durchsehen, aber nur im Hinblick auf das Bild. Die Tonpiste muss ich in „realtime“ abhören, und bin dadurch gleichwohl dem fremdbestimmten Zeitablauf ausgeliefert.

Um also effizient und speditiv Medien nutzen zu können, gilt es, auf eine Verräumlichung der Information hin zu zielen. Print statt live. Nur so bestimme ich auch über die Zeit, die ich mir für das Überfliegen ein-räume.

Yes, I can.

April 10, 2008

Medienpädagogik ist die Wissenschaft der Auseinandersetzung mit Mittelbarkeit

Filed under: Nicht kategorisiert — cdoelker @ 8:02 am

Medienbildung und Mediendidaktik sind befasst mit dem qualifizierten Umgang mit Mittelbarkeit. Nun findet Unterricht notwendig über Vermittlung statt. Deshalb kann sich Schule der Pflicht nicht entschlagen, auch die Mittelbarkeit als solche implizit oder explizit zu thematisieren. Auch ein Verzicht auf Medien ist eine Stellungnahme zum Faktor Medien. In Anlehnung an Watzlawick gilt deshalb: Man kann nicht nicht Medienpädagogik betreiben.

Medienerziehung verbindet den Einbezug der von der Medienpädagogik abgeleiteten Strategien und Handlungsanweisungen mit dem Relaunch einer Kultur der Unmittelbarkeit.

Januar 6, 2008

Technik als Hochstaplerin

Filed under: Nicht kategorisiert — cdoelker @ 1:37 pm

Immer grösser die Bildschirme, immer schärfer die Bildwiedergabe, immer besser die Technik…

Sind auch die Inhalte entsprechend besser? Oder lässt man sich durch die Perfektion der Bild- und Tonherstellung, -übertragung und -wiedergabe bluffen?

Ein nichts sagendes Statement bleibt nichts sagend auch bei Hochzeilenauflösung, eine dürftige Aussage bleibt dürftig auch in HiFi-Wiedergabe, und Lebenszeit ist verloren auch bei Abruf on demand.

Massgebend ist in erster Linie die Qualität der Inhalte. Nicht zwingend in Relation dazu steht die Qualität der technischen Herstellung.

 

 

Mediale Ursuppe

Filed under: Nicht kategorisiert — cdoelker @ 1:37 pm

Nicht nur die Medien selbst sind einem raschen Wandel unterworfen; auch das Verhältnis Mensch und Medien hat sich verändert. Früher schaltete man den Fernseher ein wegen einer bestimmten Sendung, am Radio hörte man selektiv Nachrichten, und man las ausgewählte Artikel in der Zeitung. Der Konsument griff sich ein Produkt heraus, das ihn besonders interessierte.

 

Das ist nicht mehr so. Seit der rasanten technischen Entwicklung und der galoppierenden Vervielfältigung der Medien spielen nicht mehr einzelne Inhalte eine Rolle. Die Medien als solche sind die Botschaft, wie McLuhan frühdiagnostizierte. In dieser Situation gibt es für den Konsumenten kaum mehr eine echte Wahl. Weil kaum mehr einzelne Produkte unterschieden werden können. Die Medien sind zusammengewachsen. Ihre Produkte sind zu einer zusammenhängenden Umwelt geworden. Für diesen Befund gibt es inzwischen auch eine Fachbezeichnung: Konvergenz. Was heisst: «Zusammenfliessen» der Medien.

 

Die Metapher des «Fliessens» lässt aufhorchen. Offenbar wird dabei etwas über den Aggregatszustand der medialen Umwelt ausgesagt: Medienfluss, Bilderflut, Dauerberieselung, Datenströme, Surfen … alle diese Benennungen drücken ein aquatisches Milieu aus. Der Medienteilnehmer ist überschwemmt, die Medien sind zum Medium (im physikalisch-chemischen Sinn) des Lebens generell geworden.

 

Eine vergleichbare Situation bestand schon einmal auf unserem Planeten. Wenn man der Evolutionstheorie folgt, ist Leben bekanntlich im aquatischen Milieu entstanden. Komplexe Eiweiss-Strukturen formierten sich in der hochmolekularen «Ursuppe» zu Einzellern, diese dann im Laufe von Jahrmillionen zu Vielzellern. Bizarr mögen die schwimmenden Organismen in ihren Durchgangsformen ausgesehen haben, um sich in der Folge zügig, aber ebenfalls über lange Zeitläufte hinweg, zu Fischen zu entwickeln. Dann gab es einen ersten grossen Durchbruch: der Lungenfisch. Dank einer innovativen Atmung konnte er überleben, auch wenn der Urtümpel mal austrocknete.

 

Den weiteren Verlauf der Entwicklung kennen wir: die Amphibien, die Reptilien. Nach dem Aussterben der Saurier die Säugetiere und ihr sensationeller Aufstieg zu den Primaten. Und dann nochmals ein gewaltiger Durchbruch: der Mensch.

 

Homo sapiens nennt er sich. Wissen, eben lateinisch sapere, ist sein Markenzeichen, weil die Evolution mit ihm die Stufe Bewusstsein erreicht hat. Voraussetzung für alles Schaffen, das nun folgen konnte: Sprache, Kunst, Religion, Literatur. Schrift, Handwerk und Wissenschaften. Symphonien, Kathedralen, Menschenrechte. Und nicht zu vergessen: Print und Chip.

 

Gerade die Medien sind nun (oder wären?) eine wichtige neue Ausgangslage für die Weiterentwicklung der Spezies Mensch und deren kulturelle Leistungen. Evolution lässt sich als eine Linie konsequenter Höherentwicklung lesen. Also auch – im Bereich des Bewusstseins – einer seelischen, moralischen und geistigen Höherentwicklung.

 

Und was geschieht stattdessen? Das Abtauchen des Menschen in die zur technologischen Ursuppe verkommenen Medienangebote. Radio und Fernsehen bleiben ständig eingeschaltet, der Computer durchgehend online. Und wenn der Mensch aus der häuslichen Medienmatrix nach aussen geht, trägt er die aquatische Umwelt in Form von Walkman, iPod, Handy und Blackberry mit sich.

 

Hat sich da die ganze Entwicklung überhaupt gelohnt? 13,7 Milliarden Jahre seit dem Urknall; 3,5 Milliarden Jahre seit der Entstehung des Planeten Erde; 3,5 Milliarden Jahre seit der Entstehung des Lebens.  Und auf der Höhe der Entwicklung dieses Lebens verbringt das höchstentwickelte Wesen seine kostbare und vielversprechende Existenz damit, ab Bildschirm allerlei Ersatzleben in Form von Daily Soaps zu beziehen. Oder sich über verschiedenste Formen von medialer Gewalt der Zerstörung von Leben zuzuwenden.

 

Das Gegenteil von Evolution ist Regression.

 

Nun: Schon immer fand Entwicklung (Regression inklusive) als Anpassung an Veränderungen der Umwelt statt. So hat beispielsweise der Grotten-Olm aufgrund abnehmender Lichtverhältnisse in seiner Umgebung die Augen zurückentwickelt. Wird der Medienkonsument ähnlich regredieren, etwa mit Rückbildung seiner geistigen Fähigkeiten? Oder wird er dem Beispiel des Lungenfischs folgen und sich geistige Lungen erschliessen, um in der Höhenluft neuer ästhetischer und ethischer Schöpfungen durchatmen zu können? Als homo sapiens im eigentlichen Sinne – heisst sapiens doch nicht auch «weise»?

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