Notiz-Blog

Februar 19, 2015

Festkolloquium Christian Doelker 80, Universität Zürich, 5.12.2014

Filed under: Nicht kategorisiert — cdoelker @ 9:02 am

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„Medienpädagogik fortschreiben“

war das Thema des Festkolloquiums vom 5. Dezember und wurde an zahlreichen Beispielen in eindrücklichen Referaten aufgezeigt.

Ich selber habe mich der Herausforderung „Fortschreibung“ mit folgender Frage gestellt: Wie lässt sich die Formel der „Drei Wirklichkeiten“ W1 / W2 / W3 fortschreiben?

Zur Erinnerung:
W1 = Wirklichkeit, in der wir leben
W2 = Wirklichkeit wie sie in Medien wiedergegeben wird
W3 = die vom Einzelnen subjektiv wahrgenommene W2

Ein Student fragte mich einmal nach der Vorlesung über die drei Wirklichkeiten:
„Ist dann die Erinnerung an eine W3 eine W4?“ Und er fügte bei, dass sich ja etwas Wahrgenommenes und Erlebtes in der Erinnerung auch nochmals verändere, – dass also die „Gleichung der Ungleichheiten: W2 nicht gleich W1, W3 nicht gleich W2“ fortgeschrieben werden könne als „W4 nicht gleich W3“.

Damit ist bereits ein erster Schritt einer Fortschreibung der Formel der drei Wirklichkeiten vorgenommen. Auch insofern als sich die Erinnerung an eine wahrgenommene W2 zusätzlich vermischen kann mit Erinnerungen an Wahrnehmungen in der W1.

Generell stellt sich damit das Problem, dass in der Erinnerung die im medienpädagogischen Erkenntnisakt säuberlich vorgenommene Trennung von W1 und W2 durchlässig wird und sich Wirklichkeiten durch die Erinnerung und in der Erinnerung amalgamieren, so dass am Ende nicht mehr auszumachen ist, aus welchem Quellgebiet sie ursprünglich stammen.

Kommt dazu, dass in den Medien Wirklichkeit in verschiedenen Textsorten dargeboten wird: als Information (dokumentarische Texte), als Fiktion (fiktionale Texte), als Spiel/Game (ludische Texte) und als Werbung (intentionale Texte). Dokumentation gründet im Direktbezug zur Wirklichkeit. Aber auch die andern Textsorten weisen einen wie auch immer gearteten Konnex mit der Wirklichkeit auf.

So erzählt Jean-Rodolphe von Salis in seinen „Notizen eines Müssiggängers“, er sei einmal von einem jungen Mann mit der Frage überrumpelt worden, welches denn der stärkste Eindruck in seinem Leben gewesen sei. Nach längerer Überlegung habe er geantwortet: „Ein starker Eindruck kann nur von etwas kommen, das einen permanenten, gleichsam einen Ewigkeitswert hat. … Starke Eindrücke sind Tolstois Roman („Krieg und Frieden“) und andere Werke grosser Dichtung.“

Also ein Buch – ein Buch ist ja ebenfalls ein Medium – als stärkster Eindruck.
Auffällig und bemerkenswert ist bei dieser Äusserung, dass ausgerechnet der berühmte Chronist des 2.Weltkrieges nicht bombastische reale Ereignisse aus dem Kriegsgeschehen nennt, die er unmittelbar und über die Medien erlebt hat – also in der W1 und in der W2 – als stärksten Eindruck bezeichnet, sondern eine „nur“ mittelbare Darstellung, die für ihn als „Dichtung“ einen „verdichteteren“ Wahrheitswert aufweist als Dokumenarität.

Wenn wir die schriftliche Tradierung – über Buch, Pergament, Tontafel, Felszeichnung – ebenfalls als mediale Überlieferung verstehen, gehen wir von einem Medienbegriff aus, der an Trägermaterial gebunden ist. Es gibt aber – lange vor der Erfindung der Schrift – eine Überlieferung, die auf somatischer Speicherung beruht: dem Gedächtnis. Über Erzählung, über Narration haben wir ebenfalls Zugang zu Wirklichkeit, zu Erfahrung. Es gilt dann zu unterscheiden zwischen medialer Erfahrung und mittelbarer Erfahrung.

Medialität haben wir, seit wir Medien haben.
Mittelbarkeit haben wir, seit wir Symbole haben. D.h. seit wir mit der Sprache über ein Symbolsystem verfügen, mit dem Wirklichkeit beschrieben werden kann, die nicht „hier und jetzt“ vorhanden ist.

Mittelbarkeit ist also ein weiter gefasster Begriff als Medialität. Mediale Erfahrung ist – weil ja übermittelt – naturgemäss ebenfalls mittelbar. Aber mittelbare Erfahrung ist nicht auf Medien beschränkt.

Das heisst auch: Unser Bild von Wirklichkeit ist durch eine Aufsummierung von verschiedensten Wirklichkeiten entstanden. Unsere somatische Memory-Box besteht aus einem Konglomerat von W1, von erinnerter W1, von erzählter W1, von erinnerter erzählter W1, von geträumter W1, von W2 in allen Textsorten, von W3 und von W4.

In der Mathematik ist das Summenzeichen der griechische Buchstabe Sigma. Ich möchte deshalb das Bild von Wirklichkeit, das jeder Einzelne von uns durch Aufsummierung von Wahrnehmungen, Empfindungen, Erfahrungen geformt hat, als W Σ (sigma) bezeichnen . Für jeden Einzelnen von uns ist das individuelle Referenzsystem zur Wahrnehmung und Einschätzung der ihn umgebenden Welt generell die persönliche W Σ, das persönliche, somatisch abgespeicherte Corpus aller gelebten Eindrücke, der unmittelbaren und mittelbaren.

Eine solche W Σ kann nicht von statischer Natur sein. Sie ist ein dynamisches und hochgradig plastisches System, das in seiner Ausrichtung Welt fokussiert und gleichzeitig auch ständig aus neuen Situationen und Erfahrungen in allen Bereichen alimentiert wird. Sie ist eine Art inneres „Weltbild“, ein aufsummiertes Wahrnehmungssystem, mit dem Wirklichkeit erfahren wird. Sie äussert sich aber auch in parzellierter Weise als subjektive Vorstellung von einzelnen Welt-Inhalten wie: Vorstellung „Klimawandel“, Vorstellung „Die Bankers“, Vorstellung „Ebola“, Vorstellung “Die Schweiz“, Vorstellung „Demokratie“, Vorstellung „Das Mittelalter“, Vorstellung „Südsee“… Die Liste ist endlos.

Dass die Vorstellung von etwas, die andere haben, verschieden ist von der eigenen Vorstellung des gleichen Sachverhalts, ist der Grund für zahlreiche Missverständnisse und Konflikte. Immer haben wir mit verschiedenen Aufsummierungen von verschiedenen Wirklichkeiten bei verschiedenen Personen zu tun – gebündelt jeweils in der individuellen W Σ.

Apéro_600

Programm Festkolloquium

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