Notiz-Blog

Januar 6, 2008

Technik als Hochstaplerin

Filed under: Nicht kategorisiert — cdoelker @ 1:37 pm

Immer grösser die Bildschirme, immer schärfer die Bildwiedergabe, immer besser die Technik…

Sind auch die Inhalte entsprechend besser? Oder lässt man sich durch die Perfektion der Bild- und Tonherstellung, -übertragung und -wiedergabe bluffen?

Ein nichts sagendes Statement bleibt nichts sagend auch bei Hochzeilenauflösung, eine dürftige Aussage bleibt dürftig auch in HiFi-Wiedergabe, und Lebenszeit ist verloren auch bei Abruf on demand.

Massgebend ist in erster Linie die Qualität der Inhalte. Nicht zwingend in Relation dazu steht die Qualität der technischen Herstellung.

 

 

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Mediale Ursuppe

Filed under: Nicht kategorisiert — cdoelker @ 1:37 pm

Nicht nur die Medien selbst sind einem raschen Wandel unterworfen; auch das Verhältnis Mensch und Medien hat sich verändert. Früher schaltete man den Fernseher ein wegen einer bestimmten Sendung, am Radio hörte man selektiv Nachrichten, und man las ausgewählte Artikel in der Zeitung. Der Konsument griff sich ein Produkt heraus, das ihn besonders interessierte.

 

Das ist nicht mehr so. Seit der rasanten technischen Entwicklung und der galoppierenden Vervielfältigung der Medien spielen nicht mehr einzelne Inhalte eine Rolle. Die Medien als solche sind die Botschaft, wie McLuhan frühdiagnostizierte. In dieser Situation gibt es für den Konsumenten kaum mehr eine echte Wahl. Weil kaum mehr einzelne Produkte unterschieden werden können. Die Medien sind zusammengewachsen. Ihre Produkte sind zu einer zusammenhängenden Umwelt geworden. Für diesen Befund gibt es inzwischen auch eine Fachbezeichnung: Konvergenz. Was heisst: «Zusammenfliessen» der Medien.

 

Die Metapher des «Fliessens» lässt aufhorchen. Offenbar wird dabei etwas über den Aggregatszustand der medialen Umwelt ausgesagt: Medienfluss, Bilderflut, Dauerberieselung, Datenströme, Surfen … alle diese Benennungen drücken ein aquatisches Milieu aus. Der Medienteilnehmer ist überschwemmt, die Medien sind zum Medium (im physikalisch-chemischen Sinn) des Lebens generell geworden.

 

Eine vergleichbare Situation bestand schon einmal auf unserem Planeten. Wenn man der Evolutionstheorie folgt, ist Leben bekanntlich im aquatischen Milieu entstanden. Komplexe Eiweiss-Strukturen formierten sich in der hochmolekularen «Ursuppe» zu Einzellern, diese dann im Laufe von Jahrmillionen zu Vielzellern. Bizarr mögen die schwimmenden Organismen in ihren Durchgangsformen ausgesehen haben, um sich in der Folge zügig, aber ebenfalls über lange Zeitläufte hinweg, zu Fischen zu entwickeln. Dann gab es einen ersten grossen Durchbruch: der Lungenfisch. Dank einer innovativen Atmung konnte er überleben, auch wenn der Urtümpel mal austrocknete.

 

Den weiteren Verlauf der Entwicklung kennen wir: die Amphibien, die Reptilien. Nach dem Aussterben der Saurier die Säugetiere und ihr sensationeller Aufstieg zu den Primaten. Und dann nochmals ein gewaltiger Durchbruch: der Mensch.

 

Homo sapiens nennt er sich. Wissen, eben lateinisch sapere, ist sein Markenzeichen, weil die Evolution mit ihm die Stufe Bewusstsein erreicht hat. Voraussetzung für alles Schaffen, das nun folgen konnte: Sprache, Kunst, Religion, Literatur. Schrift, Handwerk und Wissenschaften. Symphonien, Kathedralen, Menschenrechte. Und nicht zu vergessen: Print und Chip.

 

Gerade die Medien sind nun (oder wären?) eine wichtige neue Ausgangslage für die Weiterentwicklung der Spezies Mensch und deren kulturelle Leistungen. Evolution lässt sich als eine Linie konsequenter Höherentwicklung lesen. Also auch – im Bereich des Bewusstseins – einer seelischen, moralischen und geistigen Höherentwicklung.

 

Und was geschieht stattdessen? Das Abtauchen des Menschen in die zur technologischen Ursuppe verkommenen Medienangebote. Radio und Fernsehen bleiben ständig eingeschaltet, der Computer durchgehend online. Und wenn der Mensch aus der häuslichen Medienmatrix nach aussen geht, trägt er die aquatische Umwelt in Form von Walkman, iPod, Handy und Blackberry mit sich.

 

Hat sich da die ganze Entwicklung überhaupt gelohnt? 13,7 Milliarden Jahre seit dem Urknall; 3,5 Milliarden Jahre seit der Entstehung des Planeten Erde; 3,5 Milliarden Jahre seit der Entstehung des Lebens.  Und auf der Höhe der Entwicklung dieses Lebens verbringt das höchstentwickelte Wesen seine kostbare und vielversprechende Existenz damit, ab Bildschirm allerlei Ersatzleben in Form von Daily Soaps zu beziehen. Oder sich über verschiedenste Formen von medialer Gewalt der Zerstörung von Leben zuzuwenden.

 

Das Gegenteil von Evolution ist Regression.

 

Nun: Schon immer fand Entwicklung (Regression inklusive) als Anpassung an Veränderungen der Umwelt statt. So hat beispielsweise der Grotten-Olm aufgrund abnehmender Lichtverhältnisse in seiner Umgebung die Augen zurückentwickelt. Wird der Medienkonsument ähnlich regredieren, etwa mit Rückbildung seiner geistigen Fähigkeiten? Oder wird er dem Beispiel des Lungenfischs folgen und sich geistige Lungen erschliessen, um in der Höhenluft neuer ästhetischer und ethischer Schöpfungen durchatmen zu können? Als homo sapiens im eigentlichen Sinne – heisst sapiens doch nicht auch «weise»?

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